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Ich finde mein Lieblingslabel nicht auf der Website – heisst das, dass diese Markenfirma existenzsichernde Löhne bezahlt?

Leider nein. Die meisten Firmen verpflichten sich lediglich, in den Fabriken den gesetzlichen Mindestlohn zu bezahlen. Dieser ist aber weit davon entfernt, die täglichen Ausgaben der ArbeiterInnen zu decken. Die Clean Clothes Campaign (CCC) führt regelmässig detaillierte Firmenbewertungen durch und befragt dabei jene Firmen, die im europäischen Markt weit verbreitet sind. Da die Firmenbewertungen aber sehr aufwändig sind, kann nur eine beschränkte Anzahl an Firmen untersucht werden. Die Firmenauswahl auf dieser Website ist also nicht abschliessend. Generell musst du davon ausgehen, dass Firmen, die einen Existenzlohn bezahlen, die Ausnahme bilden. Im Zweifelsfall fragst du am besten direkt bei deiner Lieblingsfirma nach – die Kontaktadressen findest du im Internet leicht heraus.

 

 

Warum wird ein Teil der Proteste nicht direkt an die Firmen geschickt?

Die Clean Clothes Campaign (CCC) ist ein internationales Netzwerk von Organisationen. Jede nationale CCC führt lokal Kampagnen und Lobbygespräche durch. Bestimmte Firmen werden in dieser Schweizer Kampagne nicht direkt angeschrieben, da lokale Lobbyprozesse laufen, die wir mit unserer Kampagne nicht behindern wollen. Diese Proteste werden von uns gesammelt und von den lokalen CCC-Vertretungen übergeben.

 

 

Welche Rolle haben jene Firmen, die zwar nicht selber produzieren, aber Markenkleider verkaufen?

Auch Detailhandelsgeschäfte, die Markenkleider anbieten, tragen eine Verantwortung für gute Arbeitsbedingungen in den Fabriken. Detailhandelsgeschäfte müssen bei den Markenfirmen Fairness und Existenzlöhne einfordern, damit sich etwas ändert. Zwar können Detailhandelsgeschäfte meist nicht direkt auf die Situation in den Fabriken einwirken. Sie können aber durch die Auswahl ihrer Markenartikel ein wichtiges Zeichen setzen und Marken bevorzugen, für die soziale Verantwortung und die Bezahlung eines Existenzlohnes mehr als ein Lippenbekenntnis ist.

 

 

Welche Firmen verpflichten sich, einen Existenzlohn zu bezahlen?

Nur wenige Firmen verpflichten sich formell, allen ArbeiterInnen in ihren Zulieferketten einen existenzsichernden Lohn zu bezahlen.

Die Mitglieder der Verifizierungsstelle „Fair Wear Foundation“ gehören dazu, also z.B.  Filippa K, Hess Natur, Jack Wolfskin, Mammut, Odlo, Switcher oder Transa. Auch die Firma Remei, die für Coop die Naturaline-Linie produziert, verpflichtet sich zur Bezahlung eines existenzsichernden Lohns. Ihre gesamte Lieferkette ist gemäss „SA8000“ zertifiziert. Im Verhaltenskodex von Manor ist die Verpflichtung zum Existenzlohn ebenso enthalten. Inwieweit diese Verpflichtung aber tatsächlich bereits umgesetzt wurde, ist fraglich.

 

 

Was ist der Unterschied zwischen Mindestlohn, industrieüblichem Lohn und Existenzlohn?

 

In der Bekleidungsindustrie gibt es drei verschiedene Lohnansätze:

Mindestlohn: Ist gesetzlich verankert und daher klar definiert. In den Produktionsländern der Bekleidungsindustrie liegt dieser aber weit unter dem Existenzminimum und wird oft über Jahre hinweg trotz Teuerung nicht angepasst. Sehr oft wird auch der Mindestlohn nicht an alle ArbeiterInnen ausbezahlt, sondern nur an die höher qualifizierten Angestellten in der Fabrik.

Industrieüblicher Lohn: Dieser Lohn bildet den Mittelwert der Löhne, die in einer bestimmten Gegend in einem bestimmten Industriesektor ausbezahlt werden. Dieser Lohn berücksichtigt also zu einem gewissen Grad die regionalen Unterschiede der Lebenshaltungskosten, liegt aber in der Regel ebenfalls deutlich unter dem Existenzminimum.

Existenzlohn: Zwar sollte der Mindestlohn so angesetzt sein, dass er die Existenz von Angestellten und ihren Familien sicherstellt. In den Textil-Produktionsländern ist das aber meist nicht der Fall. Gewerkschaften und NGOs fordern daher seit langem, dass Markenfirmen einen Existenzlohn bezahlen und sich nicht nur auf den gesetzlichen Mindestlohn oder auf den industrieüblichen Lohn abstützen. Die genaue Definition, wie viel Geld es für ein würdiges Leben braucht, ist jedoch ein grosses Politikum. Mit der Asian Floor Wage Campaign liegt erstmals ein konkretes und breit abgestütztes Berechnungskonzept für die Bekleidungsindustrie in Asien vor. Die Forderung lautet: 475 PPP$ (=kaufkraftbereinigte Dollar) pro Monat. Bei der AFW geht es also darum, dass der Mindestlohn in Asien schlussendlich auf das Niveau eines Existenzlohnes gehoben wird. Ein Existenzlohn baut massgeblich auf vier Säulen auf: er gilt für alle ArbeiterInnen, kann innerhalb max. 48 Stunden pro Woche verdient werden, reicht für die ArbeiterIn selber und (einen Teil) ihrer Familie und lässt einen gewissen Betrag zur freien Verfügung (z.B. für grössere Anschaffungen oder als Sparrücklage für die Ausbildung der Kinder)

 

 

Wie wird der Existenzlohn nach dem Asian Floor Wage-Modell berechnet?

Die Asian Floor Wage (AFW) berechnet die Kosten, die für eine durchschnittliche Familie monatlich anfallen, mit Hilfe eines sog. Warenkorbes. Der Existenzlohn soll reichen, um diese Kosten zu decken, ohne dass unzählige Überstunden geleistet werden müssen oder Mahlzeiten ausfallen.

 

Für die Berechnung der Lohnhöhe wird in einem ersten Schritt auf der Basis des täglichen Kalorienbedarfs pro Familienmitglied berechnet, wie hoch die Ausgaben für Nahrungsmittel sind. Erwachsene werden dabei mit einer vollen, Kinder mit einer halben „Konsumationseinheit“ berechnet. Die durchschnittliche Familie geht von drei Konsumationseinheiten aus. Das heisst, dass der Lohn der Mutter für die Ausgaben von ihr, der Grossmutter und zwei Kindern ausreichen sollte. Rund 50% des Lohnes sollen genügen, um diese Nahrungsmittelausgaben zu decken.

 

Das AFW-Modell rechnet dann weitere 50% an Ausgaben dazu. Diese Ausgaben beinhalten Kosten für die medizinische Versorgung, Schulgelder, Wohnen, Transportkosten und unverzichtbare Ausgaben. Eine weitere Kernforderung der AFW: Es soll möglich sein, den Existenzlohn innerhalb der Regel-Arbeitszeit zu erwirtschaften. Eine Regel-Arbeitswoche in der Bekleidungsindustrie hat üblicherweise 48 Wochenstunden, also 6 Tage à 8 Stunden.

 

Die AFW hat den minimalen Existenzlohn pro Monat für die Jahre 2009/2010 auf 475 PPP$ (=kaufkraftbereinigte Dollar) pro Monat festgelegt. Das heisst, dass man für dieses Geld in jedem asiatischen Land einen Warenkorb zum gleichen Kaufwert erhalten kann. In reale Währung umgerechnet variiert der geforderte Lohn zwischen 130 und 260 Schweizer Franken pro Monat.

 

 

Wieso heisst die Kampagne „Asian Floor Wage“?

Die Löhne in der Bekleidungsindustrie sind seit Jahren einem starken Preisdruck ausgesetzt und werden viel zu tief gehalten. Die Mehrheit der Fabrikangestellten führt trotz harter Arbeit und unzähligen Überstunden ein Leben in Armut. Damit die Löhne nicht weiter ins Bodenlose fallen, will die AFW einen Boden (=Floor) als Untergrenze für einen minimalen Existenzlohn in Asien setzen. Denn in Asien wird ein Grossteil unserer Kleidung hergestellt, Billiglohnländer liegen zu einem grossen Teil in Asien. Eine stufenweise Anhebung des Lohnes in Asien dürfte also auch weltweit positive Rückwirkungen auf das Lohnniveau in der Bekleidungsindustrie haben.

 

 

Wieso bezahlen die Firmen nicht schon längst einen Existenzlohn, wenn es doch um so wenig Geld geht?

Löhne wurden in den letzten Jahren nebst anderen, relativ fixen Kostenbestandteilen wie Rohmaterial, Zöllen oder Transportkosten zu einem verhandelbaren Bestandteil des Einkaufspreises. Entsprechend wird heute meist um den tiefsten Einkaufspreis und die höchste Gewinnmaximierung gefeilscht. Das führt im Extremfall dazu, dass die Fabrikbesitzer die Löhne gar nicht ausbezahlen können. Einzelne Firmen sind bei den grossen Fabriken in Asien zudem selten die einzigen Kunden. Weil sie nur einer von mehreren Käufern sind, fühlen sie sich häufig nicht verantwortlich.

 

Sie verstecken sich vielmehr hinter Verweisen auf Konkurrenten, die einen höheren Marktanteil haben und doch eigentlich mehr machen sollten, auf die Regierungen, die für die Festlegung der (zu tiefen) Mindestlöhne verantwortlich sind, oder auf die KonsumentInnen, die keine höheren Preise erlauben würden. Eine Markenfirma kann denn auch nicht alleine den ganzen Markt verändern.

 

Es geht aber darum, dass jeder Akteur, also Markenfirma, Staat, KonsumentIn, Gewerkschaft, NGO seinen Teil an Verantwortung übernimmt und umsetzt. Lange Jahre war es nicht klar, welchen Betrag man genau unter einem Existenzlohn versteht. NGOs und Gewerkschaften in Asien, USA und Europa haben jetzt mit der Asian Floor Wage ein breit abgestütztes Berechnungsmodell und eine konkrete Forderung vorgelegt. Jetzt geht es darum, dass auch die Markenfirmen und Staaten ihren Teil an Verantwortung übernehmen.

 

 

Soll ich als Kundin Firmen boykottieren?

Nein, wir rufen zu keinem Boykott auf. Es hilft aber, wenn du dein Kaufverhalten kritisch hinterfragst, deinen Einkauf bewusst gestaltest und Firmen bevorzugst, die sich fair verhalten. NäherInnen aus Asien sagen uns immer wieder, dass ihnen ein Boykott in der Regel nicht hilft, denn so können Arbeitsplätze verloren gehen. Wichtig ist jedoch, dass du dich (bei den Firmen) über die Produktionsbedingungen informierst, nachfragst und deine Forderungen nach fair produzierter Mode und existenzsichernden Löhnen deponierst.

 

Zwar kannst du alleine die globale Bekleidungsindustrie nicht ändern, aber wenn du dich gemeinsam mit vielen anderen dagegen wehrst, dass Firmen auf Kosten der FabriknäherInnen auf Gewinnmaximierung setzen, sind bereits wichtige erste Schritte getan.

 

Erzähl auch deinen Freundinnen und Freunden, Verwandten, Familie, Studien- und Arbeitskollegen von dieser Kampagne. Damit hilfst du mit, dass sich die Bedingungen in den Fabriken längerfristig ändern. Denn nur wenn viele von diesen Missständen wissen und diese nicht akzeptieren, kommt Bewegung in die Sache.

 

 

Wo kann ich als Kundin überhaupt mit gutem Gewissen und bezahlbar einkaufen?

Hier bekommst du Tipps zum Einkaufen.

 

Wichtig ist zudem, dass du dich informierst und mit dem Thema auseinandersetzt. Vielleicht hast du das schon bei Lebensmitteln getan: Kaufst du z.B. eher Bio-Joghurt ein? Oder achtest du bei Kaffee und Bananen auf das Fairtrade-Logo? Oder bevorzugst du Gemüse aus der Region?

 

Es geht nicht darum, einen grossen Bogen um Modegeschäfte zu machen, nur mit schlechtem Gewissen etwas einzukaufen oder eine rigide Haltung umzusetzen, die du nach einem Monat frustriert über den Haufen wirfst. Es geht darum, dass du deine eigene Kaufstrategie entwickelst. Denn mit jedem Einkauf äusserst du als KonsumentIn auch deine politische Haltung.

 

 

Warum wirbt die EvB mit einer iPhone-App für faire Mode, wo doch das iPhone selbst zu unfairen Bedingungen hergestellt wird?

Die Arbeitsbedingungen in der Elektronik-Branche sind annähernd vergleichbar mit jenen in der Textilindustrie. Die Zustände in den Fabrikstädten des südchinesischen Shenzehn beispielsweise sind seit Jahren katastrophal und haben nun via Medienberichte über die traurigen Suizide von Fabrikarbeiter auch eine breite Öffentlichkeit erreicht.

 

Nicht nur das iPhone wird dort produziert, auch ein Grossteil unserer Handys, Computer und MP3-Player wird dort unter unwürdigen Arbeitsbedingungen hergestellt. Das gilt auch für die Geräte, welche in den meisten Büros und Haushalten Europas stehen. Es gibt leider noch keine faire Computermarke oder ein Label für faire Handys.

 

Computer und Handys sind heute in der Schule, im Büro und zu Hause unerlässliche Arbeits- und Kommunikationsinstrumente. Sie helfen z.B. der Erklärung von Bern, auf einfache und kostengünstige Weise viele Menschen zu erreichen. Um die Widersprüche in der Nutzung dieser Arbeitsgeräte wissen wir. Die iPhone-App soll also nicht das Übel in der Kleiderindustrie auf Kosten der Arbeiterinnen der IT-Industrie zu beheben versuchen, sondern einfach einer neuen Schicht von Konsumentinnen und Konsumenten aufzeigen, wo sie fairere Kleider kaufen können.  Wir verfolgen dabei den Grundsatz, dass wir Informationen immer auf mehreren Kanälen anbieten, so dass wir in diesem Fall bspw. Inhalte nicht exklusiv über die iphone-App anbieten, sondern auch mit Hilfe des klassischen Papierformats  oder unserer Website informieren.

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